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      Der andere Blick

Ein unauffälliger Mensch, ein bescheidener Mensch, solange er sich nicht mit seiner Klarinette zur Musik vereint. Sagte ich Musik? Falsch, oder, richtig, aber er kommuniziert durch das Instrument mit den Zuhörern, wie ich es bei Musik sonst nie erlebt habe: Er bringt seine Klarinette zum Schmeicheln, aber auch zum Schimpfen, zum Lachen aber auch zum Weinen,  zum Erzählen aber auch zur Stille, zum zuhören und Diskutieren und alles zusammen, vereint mit seinen Musikern ist ein wunderbares Musizieren. 
Ich habe es einmal live erlebt und die ganze Zeit, die ich nie erlebt habe und doch nicht vergessen kann, brach über mich herein und ich weinte und weinen ist gut. Wer dich nicht nur zum Lachen bringt, sondern auch zum Weinen ist dein Freund.
Seiner Musik entkommt man nicht. Durch ihn ist für mich Klezmermusik meine Lieblingsmusik geworden. 

Zwei kurze Ereignisse sind noch erwähnenswert:
Dieses Konzert, bei dem ich war, fand in einer Kirche in Wittlich/Eifel statt.
Als Giora Feidman anfangen wollte zu spielen, fingen die Glocken an zu 
läuten und ich dachte bei mir, das sei ja typisch deutsch, ein jüdischer Musiker
wird durch die Glocken am Spielbeginn gehindert.
Tja, manchmal muss man erkennen, wie klein man ist, wenn andere Größe zeigen.
Giora Feidman nahm leise vor sich hinlächelnd die Klarinette runter und sprach
(sinngemäß zitiert):
"Ist es nicht großartig. Ein Jude spielt in einer katholischen Deutschen Kirche."
Es berührt mich heute noch.
Als ich weinend nach dem Konzert nach draußen ging, stand einer der Musiker an 
der Türe und als ich an ihm vorbei wollte nahm er mich am Arm und fragte, was denn
los sei. Hilflos antwortete ich, es sei alles so schlimm gewesen, früher.
Er tröstete mich und sagte, es sei ja vorbei.
Das war Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts. 
Heute müssen wir wieder aufpassen, denn was vorbei war ist längst wieder erwacht.